INCANTVM – Maleficia (2025)

Band: INCANTVM
Album: Maleficia
Genre: Experimental Black Metal

Trackliste:
01. Rinascita
02. Donna Prudentia
03. Gli Esorcismi di Canidia e Sàgana
04. Incantvm / Kyrie (from Mozart’s Requiem K626)
05. Diana

Ein wunderbar schauriges, auf eigentümliche Art schönes Cover-Artwork empfängt mich. Es macht neugierig. Noch mehr, als ich als Genreangabe Experimental Black Metal lese. INCANTVM, das Projekt des Klarinettisten (!) Vittorio Sabelli, das 2022 gegründet wurde, will jenen eine Stimme geben, die sie während des dunkelsten Kapitels der katholischen Kirche – der Inquisition – verloren haben. Sie beschäftigen sich mit Hexenjagd und dem vermeintlich Bösen, nach dem die verblendeten Glaubenswächter jagten. Das zweite Album Maleficia lädt für gute 40 Minuten zu einem Rendezvous ein.

Langsam nähert sich die Figur aus dem Hintergrund, das Stapfen wird lauter. Ein Glöckchen erklingt. Die Anklage der Ketzerin. Langsam entfalten sich Piano, Akkordeon, Klarinette und Marschtrommel, während die Stimme hauchend und gepresst zur bedrohlichen Stimmung beiträgt. Krachend geht das Prelude in „Donna Prudentia“ über, schwere, fast doomige Gitarrenriffs, Blastbeats reißen die Hörerin mit Haut und Haar in die düstere Zeit, in eine Atmosphäre voller Pathos und Schrecken, esoterische Ritualklänge, dunkle Landschaften. Die Vokalisten verleihen den Rollen der Hexe, des Inquisitors und des Dämonen faszinierende Lebendigkeit. Die ungewöhnliche Instrumentierung, zur Gänze geschrieben und eingespielt von Vittorio Sabelli, trägt das Ihre zu dem schaurig-schön verschrobenen Klangbild bei. Tatsächlich haben wir es hier mit einem Gesamtkunstwerk, einem Musiktheater zu tun. Der Begriff Album würde zu kurz greifen. Das Songwriting, die Dramaturgie – faszinierend, was die Italiener hier zeigen. Ungläubig wie die Ketzer verfolge ich das Geschehen. Vergeblich wird in „Gli Esorcismi di Canidia e Sàgana“ der Exorzismus vorbereitet, nicht nur Canidia und Sagana sind gefangen und verdammt. Es ist das Incantum der Hexen, ein Ritual dem wir beiwohnen. Um die Inspiration aus Mozarts Requiem herum, rankt sich „Incantvm / Kyrie“ gespenstisch und eindringlich, zwischen Schreien und Wehklagen. Die kleine lebendige Mozart-Melodie auf der Klarinette wird von wuchtigen Gitarren zertrümmert. Die Vielschichtigkeit des Arrangements dieses Songs macht aber einen kleinen Makel hörbar, der über weiter Strecken nicht auffällt, hier aber, wenn Klangschicht über Klangschicht gestapelt wird, deutlich zu Tage tritt: die Drums verschwimmen in den tiefen Tönen in einem diffusen Brummen. Schade, wären doch gerade an dieser Stelle wuchtige Drums so passend. Das Finale „Diana“ hat neben einer melancholisch-getragenen Akkordeon-Linie, auch jazzig anmutende Klarinetten und ziemlich geradlinige Black-Metal-Sequenzen zu bieten und bleibt so trotz einer Länge von 13 Minuten und weiten Instrumental-Strecken interessant.

Fazit: Ein merkwürdiges Album – aber tatsächlich im Wortsinn: Maleficia ist mehr Musiktheater als Album und wahrlich würdig, es sich zu merken und gelegentlich (oder doch öfter) wieder anzuhören. Ein durcherzähltes, schauriges Album mit sehr ungewöhnlicher Instrumentierung zwischen Akkordeon, Klarinette, Saxophon und klassischem Black Metal-Ensemble. Leider hat die Produktion ein paar Mängel, aber die sind nicht so schwerwiegend, dass man nicht trotzdem Freude an dem Album haben kann. Für mich definitiv top-notch.

Punkte: 10/ 10

Autor: Distelsøl